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Zum Städtebau des Kunstmuseums Stuttgart
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Wer die Bedeutung der beiden großen städtebaulichen Raum- und Fluchtlinien,
die sich am Stuttgarter Schlossplatz kreuzen, wirklich ermessen will, muss
sich von Ferne nähern.
Von den südöstlichen Hängen der Stadt, von der Weinsteige oder dem Frauenkopf her kommend, passiert man entlang der Planie die Südseite des Neuen Schlosses. Dort kann man die leichte "Verkantung", mit der das Stadtbild prägende Schloss im Verhältnis zur Königstraße aus der Achse gedreht ist, fast körperlich erfahren. Die Abweichung vom rechten Winkel, mit der die Planie und mit ihr das Schloss in den Stadtgrundriss gezeichnet ist, gibt dem Schlossplatz seine spannungsvolle Raumfigur. Sie charakterisiert das Gelenk zwischen der Hauptachse Königstraße und der Querachse Planie.
Einst war die vom Schloss und der Akademie her kommende Querachse Planie am
Kronprinzenpalais zu Ende.
Seit den sechziger Jahren mündet die Planie in die unglückliche Konstruktion des Kleinen
Schlossplatzes. Endlose Debatten sind seither geführt worden, warum damals das Prinzip
der autogerechten Stadt zum Abriss der Ruine des Palais und zur schnöden Überdeckelung
des Durchstichs geführt hat - beschönigt durch den neuen Namen "Kleiner Schlossplatz".
Die sich hinter ihren runden Brüstungen wegduckende Bebauung des Kleinen Schlossplatz
wurde - über die Stadtgrenzen hinaus - zum Beispiel einer von den Prämissen der funktionalen
Stadt niedergerungenen Architektur.
Fairerweise muss man heute folgendes hinzufügen: Die ungeschickten Bauten
markieren auch den Beginn einer veränderten Auffassung, wie das, was versteckt im Rücken
des Schlossplatzes liegt, an diesen anzubinden sei: die Theodor-Heuss-Straße mit ihrer vom
Bahnhof her aufgefädelten Bürobebauung und die Universität. Das städtebauliche Ziel, die
Abfolge Schlossplatz - Kleiner Schlossplatz auch mit durchlässigen Raumbezügen nach Norden
"aufzumachen", gehörte zu den wichtigsten Vorgaben des jüngsten, 1999 entschiedenen Wettbewerbs.
Es brauchte zwei Jahrzehnte Umplanung und eine ganze Kette von Wettbewerben und Gutachten (1982, 1985, 1987), um sich dieser - städtebaulich komplexen und eigentlich kaum zu bewältigenden - Neuorientierung klar zu werden. Der prämierte Entwurf der Architekten Hascher und Jehle hatte für diese Einsicht die Lösung parat, die ohne Sonderformen auskam und gleichzeitig die größte Selbstverständlichkeit bot. Während sich im Hinblick auf den Baukörper der Galerie fast keine einfachere Geometrie vorstellen lässt, zeigt dessen Platzierung und innere Gliederung eine "mehrfache Lesbarkeit", ohne die die Raumbezüge am Kleinen Schlossplatz nicht geklärt werden können: Einerseits wird die Achse der Königstraße durch den fast in die Bauflucht gerückten Kubus der Galerie wieder geschlossen. Andrerseits ist dieser Kubus mit seinem harten Kern aus Stein und seinen allseitig vorgesetzten, gläsernen Fassaden von einer architektonischen "Elastizität", die den Raum nach Norden weiterfliesen lassen - unterstützt von einem Bündel parallel versetzter Freitreppen, die auf den neu geordneten Schlossplatz führen.
Die angemessene Proportionierung der Galerie gelang den Architekten angesichts des umfangreichen Bauprogramms mit einem Kunstgriff. Indem sie den Baukörper geschickt über einen stillgelegten Autotunnel plazierten, konnten sie zusätzlichen Ausstellungsraum im Untergeschoß einplanen. Dies war die Voraussetzung, dass der Kubus mit seinen knapp 30 Metern Kantenlänge und seinen 26 Meter Traufhöhe eine maßvolle Dimensionierung bekam - und nicht in die fast logische Zwangslage geriet, zum Schlossplatz hin zwar schlank in Erscheinung treten, dann aber sehr lang in die Tiefe gestaucht werden zu müssen.
Die Abmessungen des Würfels und die Abstände wurden auf die Nachbargebäude Königsbau und Wittwer
abgestimmt. Die Architekten wählten eine respektvolle Distanz zum Königsbau; in diesen Zwischenraum
mündet künftig auch die Fürstenstraße ein. Und sie schlagen eine mehr auf Tuchfühlung zielende
Nachbarschaft zum Wittwer-Bau vor.
Verschiedentlich geäußerte Kritik an der Würfelform der Galerie, die sich an dessen Einfachheit stößt, übersieht dessen Stringenz. Der gordische Knoten einer 20jährigen Lösungssuche, die inzwischen jede nur denkbare räumliche Sonderform ad absurdum geführt hat, wurde durchschlagen. Den Architekten gelang der - fast nicht mehr zu erwartende - Beweis, dass man für eine überzeugende räumliche Neuordnung des Kleinen Schlossplatz nur die vorhandenen, räumlichen Bezugslinien aufzugreifen braucht: Einerseits die sorgfältige Einbindung entlang der Hauptachse Königstrasse, deren Ausrichtung sowohl die Kubatur der Städtischen Galerie wie den zurückgesetzt liegenden Büroriegel an der Fürstenstraße hin bestimmt. Und dann die weiter oben erwähnte leichte Schräge, die Gutbrod damals in der Drehung seines Baus der Baden-Württembergischen Bank berücksichtigt hatte. Wenn der kleine Schlossplatz künftig von vier Seiten gefasst sein wird, bringt sie die leichte Drehung, die nach Norden weiterleitet.
Die Architekten haben in ihrem Gebäude noch einmal raffiniert eine Schräge aufgegriffen. Eine öffentliche Treppe führt zu einer überdachten Aussichtsterrasse im obersten Geschoß. Hier oben wird die vom Schloss her kommende Raumflucht, die früher am Kronprinzenpalais zu Ende war, als Ausblick für die Besucher in Szene gesetzt, während weiter unten die Passanten über die Treppen auf den Kleinen Schlossplatz geleitet werden - eine schöne, gleichzeitig in zwei Richtungen konzipierte Entwurfsgeste.
Kaye Geipel